Archiv für das 'Journalismus'-tag

Mission aborted

Claude Nicollier, unter anderem Mitverantwortlich für Ogis “Freude herrscht!“, war der erste und bisher letzte Schweizer im Weltraum. Im März 2007 schied er dann aus den NASA-Missionen aus, seine letzte. Mission war 1999. Immerhin war er 42,5 Tage im Weltraum, davon sogar etwas über acht Stunden auf einem Ausseneinsatz. Tolle Geschichte, ein prominenter und bekannter Schweizer, ein Held.

STS-128 Space Shuttle Discovery on Pad 39a (via nasa hq photo)

STS-128 Space Shuttle Discovery on Pad 39a (via nasa hq photo)

Nun hatten aber diverse Nachrichtenquellen plötzlich von einer neuen Hoffnung gehört – Barbara Burtscher. Sie ist erst 25 Jahre alt und bereits ein Medienstar. Auch wenn der Blog Infamy die Lunte bereits diesen Januar roch, die Geschichte erhielt keine grössere Beachtung – vermutlich auch, weil rasch die juristische Keule gezückt und die ersten zwei Artikel gelöscht wurden. Es dauerte dann noch über ein halbes Jahr, bis jemand auf der Redaktion des Tagesanzeigers ein Telefon in die Hand nahm, die 0 drückte und ein paar Fragen an die NASA richtete. Und wie heute das Newsnetz zu berichten weiss, war an Burtschers Geschichte nicht alles sauber:

Danach gab es für die Schweizer Journalisten kein Halten mehr. Und schon gar kein Innehalten. Man buchte «Unsere Frau bei der Nasa», wie der «Blick» sie nannte, gerne. Und Burtscher sagte gerne zu. Sie war auf der Titelseite der «Coop-Zeitung», als Promi-Jasserin im «Samschtig-Jass», als angehende Astronautin bei Kurt Aeschbacher im Schweizer Fernsehen, bei Hannes Hug als Astrophysikerin im «Focus»-Interview auf DRS 3 und als «Ausserirdische» auch im «Tages-Anzeiger». Allein in den Printmedien erschien Burtschers Geschichte über 60-mal. Die eingebildete Astronautin auf tagesanzeiger.ch

Durch all den Medienrummel, und weil niemand mehr Fragen stellte, dafür schön abgeschrieben wurde, kam Burtscher auch zu zahlreichen Sponsoring-Verträgen. Ich möchte betonen, und das nicht aus Angst vor Rechtsdiensten, schliesslich sind das hier nun einigermassen gut fundierte Aussagen, dass ich Burtschers Aussagen zwar unklar und sicher nicht seriös finde. Die Verantwortung für diese jetzt ein halbes Jahr laufende Geschichte liegt aber ganz klar bei den Medien. Wenn niemand Fakten prüft, sondern nur möglichst schnell online schaltet, kann das ja nicht gut gehen. Klar, die Story war toll und niemand wollte so richtig daran zweifeln, aber wenn bereits Ende Januar erste Ungereimtheiten auftauchen, sollte ein Telefon nach Washington, D.C. doch sicher drinliegen.

Was besonders beunruhigend ist für alle kommerziellen Nachrichtenproduzenten: Der Blog Infamy wusste wie gesagt schon Ende Januar 2010 darüber zu berichten. Wenn es so lange dauert, um eine Geschichte zu prüfen, hat vermutlich die Telefonanlage nicht funktioniert. Ein wenig Recherche kann nie schaden – und von Nachrichten durchaus erwartet werden.

Wir sollten dringend wieder mehr Wert auf guten Journalismus legen, bei dem ein Artikel auch einmal zwei Tage geprüft werden kann, damit dann auch alles stimmt. Das hier mag eine relativ harmlose Sache gewesen sein, selbst wenn einige der in diversen Artikeln geschriebenen Dinge so nicht komplett stimmen mögen. Sollte dasselbe mit grösseren Geschichten passieren, frage ich mich wirklich, wie sehr wir uns auf gewisse Medien noch verlassen können.

Und noch etwas, liebes Newsnetz: Nur weil ihr nun als erstes Medium (nach einem halben Jahr!) über diese Geschichte berichtet habt, ist das SF noch lange nicht schlecht. Aber vermutlich habt ihr einen ähnlichen Drang SF und DRS zu kritisieren, wie ich eure so genannten Nachrichten.;-)

Noch etwas letztes: Irgendwelche dubiosen Hacker tummeln sich offenbar im Netz.

Foto von nasa hq photo auf Flickr

Elementarfragen

Sarkophag des AKW Tschernobyl (via mmatting)

Sarkophag des AKW Tschernobyl (via mmatting)

Letztens hatte @boeggsli einen super Podcast getweetet. In der noch kurzen Reihe werden sehr interessante Themen ausführlich, jeder Podcast ist fast zwei Stunden lang, in Form von Interviews behandelt.

Eines der interessantesten Interviews der Elementarfragen ist dasjenige mit dem Physiker Dr. Sebastian Pflugbeil. Im Teil 3 (“EF03 (Tschernobyl)“) erzählt Pflugbeil von seiner Zeit an der Uni in der DDR, der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und seinem Engagement in der Bekämpfung von Strahlenschäden und der Gefahr von Atomwaffen.

Ganz besonders beeindruckt hat mich die Stelle nach 1:42:15, wo Pflugeisen die Gefahr der Deutschen AKW beschreibt. Unheimlich, wenn man denkt, wie scheinbar sorgenfrei wir über zwei weitere AKW in der Schweiz diskutieren.

Bis jetzt habe ich nur die oben erwähnte Episode 03 gehört, aber bald mache ich mich daran…

Foto von mmatting auf Flickr

Cholera innovativ bekämpft

Alt-Dhaka (via P Donovan)

Alt-Dhaka (via P Donovan)

Von einem ganz interessanten Projekt habe ich gestern im Radio gehört. Auf DRS 2 wurde ein so genanntes Cholera-Spital vorgestellt, das einerseits dringend nötige medizinische Hilfe für diverse Krankheiten wie Leishmaniose oder eben Cholera.

Podcast von DRS 2 Innovationen: Das «Cholera-Hospital» in Bangladesch

Farbiges Bangladesh (via Ujwala Prabhu)

Farbiges Bangladesh (via Ujwala Prabhu)

Das Projekt ICDDR,B (International Centre for Diarrhoeal Disease Research, Bangladesh) betreibt in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs, ein Cholera-Spital. Dort werden einerseits Patienten behandelt und wieder auf die Beine gebracht, andererseits wurden schon über 1’500 Leute aus anderen Ländern in der Cholerabekämpfung ausgebildet. Auch werden die Experten vom ICDDR,B oft gerufen, wenn anderswo in der Welt eine Choleraepidemie ausbricht und Hilfe benötigt wird.

Fischer in Bangladesh (via Seema K K)

Fischer in Bangladesh (via Seema K K)

Speziell interessant ist die enge Zusammenarbeit von ambulanter medizinischer Versorgung und der angewandten Forschung. Damit können einerseits wichtige neue Erkenntnisse gemacht werden, so zum Beispiel die Nährlösung, welche für stark ausgetrocknete Patienten verwendet wird. Oder auch, dass Zink Durchfallerkrankungen in grossem Stil verhindert oder zumindest abschwächt. Ein, wie ich finde, schönes Beispiel wie die Krankheiten der Armen erfolgreich und effizient bekämpft werden können.

Fotos von P Donovan, Ujwala Prabhu und Seema K K auf Flickr

Haiti, sechs Monate nach dem Erdbeben

Haiti, six months on.

Haiti, six months on.

Die Englische Zeitung The Guardian hat ein interessantes interaktives Feature zum Erdbeben von Haiti aufgeschlagen. Haiti? Ja, die Insel, auf der vor nun über sechs Monaten mehrere hunderttausend Leute gestorben und obdachlos wurden.

Wie sieht es dort aus? Mit Videos, Interviews und beeidruckenden Geschichten erhalten wir einen Einblick in die Probleme des Landes.

Flash Animation Haiti six months on: what happened next?

Oh Dear-ism

Der Oh Dear-ism ist bei uns angekommen. Vielleicht war er auch schon lange und schlich, getarnt als Gleichgültigkeit, durch die dunkelsten Ecken dieses Landes.

Auf jeden Fall ist mir gestern etwas aufgefallen. Gestern las ich auf 20min.ch einen Artikel über eine Aktion der JUSO. Sie verteilt vor dem heutigen Spiel Schweiz-Honduras Paninibildli mit getöteten Regimegegnern drauf, die während und nach dem Staatsstreich 2009 ums Leben kamen. Ich möchte mich zwar hier nicht die Aktion (man darf davon halten, was man will), den Staatsstreich oder irgendetwas in der Richtung besprechen, sondern die wie immer sehr aufschlussreichen Kommentare. Hier ein repräsentativer:

die bilder haben etwas den selben effekt wie die bilder auf dem zigarettenpäckli…kurz hinschauen und schockiert sein und dann sofort die nächste anzünden…haben sie wirklich die hoffnung das sich irgendetwas ändert? naja träumen soll erlaubt sein! — mike

Tegucigalpa, Honduras (von Fellowship of the Rich)

Tegucigalpa, Honduras (von Fellowship of the Rich)

Dieser Kommentar passt, von mir aus gesehen und mit vielen weiteren Kommentaren, in die Kategorie des Oh Dear-ism, wie Adam Curtis es im Video am Anfang beschreibt. Zu viele extrem tragische und herzzerreissende Meldungen hören wir jeden Tag, dass wir unterdessen gar nicht mehr an eine Veränderung glauben – und uns deshalb auch nicht mehr dafür einsetzen.

Was das bedeutet und wohin das führt, kann ich nicht abschliessend beurteilen. Für mich ist eine solche Haltung, wie sie mike oben ausdrückt aber sehr schade. Wer nicht mehr an Veränderung glaubt, eine bessere Welt will, daraufhin arbeitet und Ideen für morgen hat, hindert einen wohl urmenschlichen Trieb an seiner Entfaltung: den Fortschritt. Es geht aber nun nicht darum, wieder in alte Haltungen und Zeiten zurückzufallen. Wie das Video oben zeigt, waren einige der Hilfen auch kontraproduktiv.

Selbstverständlich muss man nicht ein 24-Stunden-News-Junkie sein, aber ein wenig Interesse, Hoffnung auf Besserung und ein kleiner Einsatz (auch wenn er nur geistig ist), können schon so manches bewegen. Viele Probleme sind schon halb gelöst, wenn sie erkannt sind…

Foto von Fellowship of the Rich auf Flickr